Kein Durchbruch für mehr Wachstum, sondern ein Desaster für das Deutsche Volk und seine Wirtschaft
- Von Dr. Nicole Munk -
Am
15.12.2003 traten Bundeskanzler Gerhard Schröder, die
CDU-Oppositionsführerin Angela Merkel und viele weitere Politiker im
Deutschen Bundestag vor das Heer ungeduldig wartender Journalisten und
vor die
deutsche Öffentlichkeit, um bekanntzugeben, dass sich die
Bundesregierung mit Ländermehrheit auf ein Reformpaket von
Maßnahmegesetzen geeinigt hatte, das Deutschlands Rolle als
Konjunkturlokomotive Europas neu begründen und die deutsche Wirtschaft
wieder auf Wachstumskurs bringen solle. 2800 Seiten Gesetzestexte
wurden
geschaffen, eine Marathonsitzung jagte die andere. Jetzt liegt ein
Ergebnis vor, in dessen Kommentierung sich das deutsche Volk und seine
Wirtschaft weitgehend einig ist: Von dem Wachstumsschub, den sich die
SPD von dem Reformpaket verspricht, kann keine Rede sein.
Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement rechnet vor, dass der
Kompromiss des Vermittlungsausschusses im nächsten Jahr 0,2 bis 0,6 %
Wachstum bringen wird, stößt aber in der Wirtschaft selbst auf klare
Ablehnung. Alle Wirtschaftsweisen, insbesondere das Zentrum für
Europäische Wirtschaftsforschung teilt diesen Zweckoptimismus nicht.
Selbst Bernd Rürup, nach dem die Rürup-Kommission benannt ist, kommt zu
dem eindeutigen Ergebnis, dass der
Kompromiss vom 14./15.12.2003 an der Konjunktur überhaupt nichts
ändere. Wie sollte er auch, nachdem alle drängenden Probleme allenfalls
gestreift, keineswegs gelöst wurden.
Die geringen Steuersenkungen sind kein Wachstumsimpuls für 2004
Eines
steht fest: Die Steuern werden – geringfügig -sinken. Doch löst das
kein Wachstum aus, das in der Lage wäre, die riesige Insolvenzenwelle
zu stoppen, die mit immer höherer Geschwindigkeit auf die deutsche
Volkswirtschaft zurast. Die Antwort kann nur lauten: NEIN. Wenn ein
Ehepaar mit einem gemeinsam veranlagten Bruttoeinkommen von 30.000,-
Euro ca. 568 Euro eine Steuerersparnis pro Jahr erzielt, andererseits
die Gesundheitsvorsorgekosten erheblich steigen und die
Steuereinsparung wieder aufzehren werden, wie können dann Deutschlands
Politiker davon träumen, dass der private Konsum die deutsche
Produktion anheizen würde? Tatsache ist doch: Die brennenden Probleme
wurden nicht gelöst: Fast alle Subventionen für die Großindustrie
bleiben aufrechterhalten, gestrichen wird nur bei dem „kleinen Mann“ –
also bei der Eigenheimzulage und bei der Pendler-Pauschale. Bestraft
wird also derjenige, der durch den Kauf oder den Bau eines Eigenheims
einen wirtschaftlichen Wert für sich und seine Familie und
Arbeitsplätze in der unmittelbaren Region schafft – und der
Arbeitnehmer, der seinen PKW braucht, um zur Arbeitsstelle zu gelangen.
Die
Reform konnte wegen der Rücksichtnahme der Bundesregierung auf die
Gewerkschaften und verschiedenen Berufs- und Unternehmensverbände
niemals ein großer Wurf werden?
Die
Bundesregierung konnte wegen der inneren politischen Zerrissenheit der
SPD und wegen deren fester Einbindung in das Gewerkschaftssystem den
großen Wurf einer effektiven Reform gar nicht wagen: Die Folge wäre ein
Flügelkampf innerhalb der SPD gewesen, den die SPD nicht überstanden
hätte. Deshalb wurden die Bereiche Gesundheitswesen, Altersvorsorge,
das Sozialhilfesystem, die Arbeitslosenversicherung u.a. so gut wie
überhaupt nicht reformiert. Auch das Arbeitsschutz- und
Kündigungsschutzrecht enthält zu wenige Impulse, um zu einer Wende auf
dem Arbeitsmarkt zu gelangen. Für das Jahr 2004 kann deshalb
realistischerweise nur eine äußerst schlechte Prognose abgegeben
werden:
Eine
sog. psychologische Stimmungsmache reicht als Konzeption zur
Verbesserung für mehr Wachstum und für die Verteidigung des Wohlstandes
für alle nicht aus.
Es
ist ein fataler Irrtum zu glauben, dass eine Manipulation der
Stimmungslage im Volk die Initialzündung für mehr Wachstum und mehr
Beschäftigung in Deutschland sein würde. Sicherlich ist entscheidend,
wie die Mehrheit der Arbeitnehmer über private Investitionen und wie
die Arbeitgeber und Selbständigen über Investitionen denken – solche
Kaufentscheidungen werden nicht nur nach materiellen oder finanziellen
Kriterien getroffen. Aber allein auf den Schaueffekt eines angeblich
großen Reformpaktes zu vertrauen, das nach übereinstimmender
Kommentierung der Wirtschaftsverbände letztendlich nichts anderes als
eine „Mogelpackung“ ist, kann nicht anders als blauäugig bezeichnet
werden. Nach der Regierungserklärung vom 15.12.2003 werden weder
ausländische noch inländische Unternehmen in Deutschland investieren.
Der Konsens von Bundesregierung und Ländermehrheit hat nur verhindert,
dass in das Ausland dasjenige zutreffende Bild der Langzeitkatastrophe
vermittelt wird, das tatsächlich zutrifft. Ein Scheitern wäre zum
SUPER-GAU der deutschen Imagewerbung im Ausland geworden. Das wurde
gerade noch einmal verhindert. Aber Grundlagen für mehr Wachstum, für
sichere Arbeitsplätze oder hohe Investitionen wurden nicht geschaffen.
Dazu hätten die Einschnitte in die tradierten Gewohnheiten viel tiefer
ausfallen müssen, als in der Konsensgesellschaft der Bundesrepublik
Deutschland gegenwärtig möglich ist. Niemand hinterfragt auch die
offiziellen Verlautbarungen der hohen Politik: Wenn Wachstum,
Beschäftigung und Investitionen in Deutschland von
massenpsychologischen Effekten abhängig sind, warum wird dann die
Politik überhaupt noch von Politikern oder (angeblichen) Wirtschafts-
und Finanzexperten gestaltet? Warum überlassen die Politiker dann nicht
das Feld vollends den Psychologen, den Werbestrategen, den
Marketingexperten oder den Publikumslieblingen aus Film und Fernsehen?
Wenn eine Wirtschafts- und Finanzpolitik sich nicht mehr zutraut, als
kurzfristige Täuschungseffekte bei dem Wähler auszulösen, die
vielleicht zwei, möglicherweise acht Wochen wirken, muss der Wechsel
erfolgen. Wenn es mit Altbundeskanzler Dr. Helmut Kohl auf das Ergebnis
am Ende ankommt, wird man sagen müssen: Gemessen an der
Regierungserklärung des deutschen Bundeskanzlers vom 14.03.2003 zur
AGENDA 2010 im Deutschen Bundestag ist so gut wie gar nichts
herausgekommen.
Die
nun chaotischen Auswirkungen des erweiterten Europas auf die deutsche
Wirtschafts- und Beschäftigungslage wurde bei dem Reformpaket überhaupt
nicht berücksichtigt.
Der
Hauptfehler des Reformpaketes besteht aber darin, dass über die
Auswirkungen der Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft noch
überhaupt nicht nachgedacht worden ist, geschweige denn die richtigen
Fragen gestellt wurden, erst recht also nicht die Antworten auf diese
Fragen gegeben werden konnten. Kann die Bundesrepublik Deutschland ein
Hochlohnland bleiben, wenn die sog. Billiglohnländer bereits wenige
hundert Kilometer vor unseren Grenzen liegen und nur darauf warten,
ganze Konzernbereiche für Produktion und Dienstleistung aufzunehmen,
die bei uns aus Kostengründen ausgelagert werden. Gehen im
Bundeswirtschaftsministerium überhaupt noch Warnlampen an, wenn z.B.
der Siemens-Konzern verkündet, mit vielen zehntausend qualifizierten
Arbeitsplätzen nach Prag umzuziehen? Wenn die meisten deutschen
Geschäftsbanken von einer feindlichen Übernahme durch ausländische
Bankenriesen bedroht sind? Oder aber so gut wie alle Software für
Banken, Handel und Dienstleistung in Indien erstellt werden sollen? Die
politische Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft und die
Globalisierung werden auch zu einem anderen Arbeitsmarkt in Deutschland
führen: Das Hochlohnsystem wird sich nur noch für Spitzenleistungen
aufrechterhalten lassen, wie sie die international verflochtene
Wirtschaft sieht.
Die Lohnnebenkosten müssen erheblich herunter
Doch
gerade auf diesem Gebiet hat das Reformpaket der Bundesregierung
praktisch alle alten Strukturen zementiert: Keine Öffnungsklausel in
der Tarifautonomie, keine Verstärkung der betrieblichen Aus- und
Weiterbildung, keine Förderung der angewandten Naturwissenschaften,
keine Stärkung der Universitäten.
Deutschlands Wirtschaft vor dem Abgrund
Wird
also die lange Nacht im Vermittlungsausschuss des Deutschen Bundesrates
vom 14./15.12.2003 in die deutsche Geschichte eingehen? Wohl kaum – und
wenn ja, dann als die letzte versäumte Chance, Deutschlands
Volkswirtschaft vor dem Abgrund zu retten.
Erschienen in der Sz BN am 19.12.2003