Eine Kommune ohne Schulden - Leider heißt sie nicht Bad Nauheim…
- Von Dr. Nicole Munk -
Wie
ist das möglich? In Zeiten, in denen die Zeitungen täglich mit
Schlagzeilen über die Verschuldung von Bund, Ländern und Kommunen
gefüllt sind, haben es Kommunen geschafft, keine roten Zahlen zu
schreiben. Kein
Traum, sondern tatsächlich konnte es auch eine Gemeinde schaffen, ihren
Schuldenstand auf 0 Euro zu senken.
Mit welchem Konzept konnte die Gemeinde der Schuldenfalle entfliehen?
Bilanzierung zur Schaffung von Transparenz
Intensiv
hat sich die Gemeinde mit ihrem Zahlenwerk befasst. Es wurde
bilanziert, kalkuliert, prognostiziert und verglichen. Denn wie alle
verschuldeten Gemeinden, so war auch diese in die Zins- und Zinsesfalle
geraten. Eine Spirale, aus der es kaum noch ein Entrinnen gibt. Zunächst
einmal wurde strukturiert und für jedermann klar verständlich die
Haushaltsführung über die Einnahmen- / Ausgabengegenüberstellung
dargestellt, sowie Transparenz und Übersichtlichkeit geschaffen durch
das kaufmännische Bilanzieren, anstatt der sonst unvollständigen und unübersichtlichen kameralistischen Haushaltsführung.
Sinnlose Kosten streichen und den Kostenapparat senken
Schnell
konnten die Schwachstellen gefunden werden. Die hohen Verwaltungskosten
wurden radikal gesenkt, d.h. u.a. wurden Personalkosten gespart,
Teilzeitarbeit im Rathaus eingeführt und die laufenden Ausgaben für
den Unterhalt von Gebäuden gesenkt. Daneben wurde den Mitarbeitern mehr Verantwortung und ein größerer Entscheidungsfreiraum übertragen.
Ausweisung von Flächen zur Ansiedlung von Firmen und Familien
Die
Gemeinde wies Flächen aus und baute dabei lange Verwaltungswege, die
Investoren regelmäßig abschrecken, ab. Entscheidungen konnten somit
schneller getroffen werden. Interessenten wurden damit überrascht, dass
zwischen dem ersten Kontakt und dem folgenden Termin zeitweise nicht
einmal 24 Stunden lagen.
Mund-zu-Mund Propaganda als effektive Werbung genutzt
Die
Reformbereitschaft der Kommune sprach sich schnell herum und gab ihr
Übriges dazu: Die Zahl der Einwohner stieg um sieben Prozent. Außerdem
bietet die Gemeinde reichlich Kindergartenplätze, Schul- und
Freizeiteinrichtungen an und konnte damit ihren guten Ruf weiter
steigern.
Auch Mut zum Risiko und das Beschreiten neuer Wege war ein Schritt in die richtige Richtung
Sämtliche
städtischen Betriebe kamen auf den Prüfstand; Einsparungen waren die
Folge. Heftig umstritten war die Gründung einer Firma in Form einer
GmbH zur Entlastung des Bauamtes, die nun alle Bauprojekte vergibt und
betreut. Vorteil der Strategie „Raus aus dem öffentlichen Recht, gebaut
wird künftig nach Privatrecht“ war, dass die Behinderungen der
Entscheidungsfreiheit der Kommunen wegfiel
und die Baukosten niedrig gehalten werden können. Um das
Demokratieprinzip zu wahren, stellt jede Fraktion im Gemeinderat die
Aufsichtsräte. Die GmbH erwirtschaftet inzwischen sogar kleine Gewinne.
Die Hartnäckigkeit bei der Umsetzung trotz vieler Gegenstimmen hat sich
gelohnt.
Wann reformiert sich Bad Nauheim neu?
Aus
diesem Beispiel können auch wir Nauheimer einiges lernen. Wollen wir
nicht auch in naher Zukunft eine schwarze "0" im Haushalt schreiben
dürfen? Es muss kein Traum bleiben; auch wir könnten uns reformieren
und sanieren. Allerdings benötigen wir dafür die gleiche Konsequenz wie
die zum Beispiel geschilderte Gemeinde. Allein die Debatte über das
Einsparen von Personalkosten, wie sie kürzlich in der Sitzung der
Stadtverordnetenversammlung geführt wurde, reicht hierfür sicherlich
nicht aus. Auch für Bad Nauheims Politiker dürfte es sich lohnen, einmal
über den Tellerrand hinaus zu schauen….
Aber bitte noch in diesem Jahrzehnt!
Erschienen in der Sz BN am 01.12.2003