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Immer mehr Kinder sind sprachgestört
Vor allem Buben und Ausländer betroffen – zu wenig Sprachförderung in Kindergärten. Oft
bringt es erst die Einschulung an den Tag. Viele Kinder haben einen
Satz nicht richtig nachsprechen können und Probleme mit dem
Sprachverständnis haben. Doch die bisherigen Fördermaßnahmen greifen laut
Fachleuten zu kurz und kommen zu spät.
Mindestens zehn Prozent aller Kinder
haben laut Gesundheitsamt bei der Einschulung Sprachprobleme – Tendenz
zunehmend. 12,6 Prozent der Erstklässler konnten Wörter nicht richtig
aussprechen. Statt „drei“ sagen sie „grei“, statt „krumm“ „klumm“.
Dies betreffe 13,6 Prozent der deutschen Kinder und 10,4 Prozent der
ausländischen Kinder.
Zudem haben ausländische Kinder,
allen voran die türkischen, Probleme mit der Grammatik, können keine
vollständigen Sätze bilden, konjugierten das Verb falsch oder verwenden
falsche Artikel, etwa „Mama holen die Auto“. Insgesamt hatten damit
fünf Prozent der Kinder Schwierigkeiten, jedoch Buben anderthalb Mal
so oft wie Mädchen. Deutsche Kinder waren davon zu 3,3 Prozent
betroffen, ausländische zu 8,5 Prozent.

7,8 Prozent aller
Kinder macht es Probleme, Wörter wie „Aluminium“ nachzusprechen. Noch deutlicher
offenbarte sich der Unterschied bei der Zuordnung und dem Nachsprechen
von Begriffspaaren wie „Kahn“ und „Kamm“. Hier scheiterten 6,3 Prozent
der deutschen und 20,6 Prozent der ausländischen Kinder.
Neu sei es, dass auch intelligente
Kinder zunehmend bei der Sprachentwicklung gestört seien. Grund sei
auch die mediale Überflutung. Viele Kinder hätten kaum noch
Gelegenheit, die Begriffe in ihrer Urfunktion zu erleben – und zu
begreifen.
Sprache kann nur über Bewegung und
Sinne erfasst werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die räumliche
Orientierung, die Dimensionalität, die beim Klötzchenbauen, beim Ein-
und Ausräumen von Spielzeug, beim Betrachten eines kleinen Käfers oder
bei der Erzeugung von Musik oder Geräuschen gewonnen werden kann.
Hierbei lernt das Kind zwischen oben und unten, draußen und drinnen,
vorne und hinten zu unterscheiden, was später für die
Buchstabenwahrnehmung bedeutsam ist.
Sinneserfahrungen werden Sprache
Wie soll ein Kind je einen reichen
Wortschatz erwerben, wenn es in der wichtigen Phase des Spracherwerbs
bis zum siebten Lebensjahr nie den Unterschied zwischen rauh und weich,
biegsam und hart, Glas und Plastik, Holz und Metall sinnlich und
begrifflich kennengelernt hat. Diese Erfahrungen müssen alle
einprogrammiert werden. Ganz zu schweigen von den Kieferschäden.
Kinder, die mit drei nicht sprechen, haben oft ein Gebiss, das
nicht geformt ist. Häufig gelten Kinderreime und Kinderlieder heute als
altbacken, obwohl gerade sie Gymnastik für Gaumen und Zungen und
„Hebammen für die Sprachentwicklung“ sind.
Das Fernsehen, ja selbst Hörkassetten
für Kinder seien „sinneschaotisierend“ und deshalb in den ersten Jahren
des Kindes nicht zu empfehlen. Sprache braucht Vorbilder, Eltern
oder Erzieherinnen, die sich genau ausdrücken und klar artikulieren.
Doch leider, das zeigt auch eine OECD-Studie, sei die Ausbildung der
Erzieherinnen in Deutschland am schlechtesten. Der Vorschlag,
Sprachtests für Fünfjährige einzuführen, ist vom Ansatz her falsch.
Eine Sprachstandserhebung für
Fünfjährige kommt zu spät. Sinnvoll wäre es, schon im ersten Kindergartenjahr Fachleute einzubeziehen, die in
Kleingruppen gezielt die Defizite der Kinder erkennen und aufarbeiten. Gerade
im Elementarbereich muss mehr in die Kinder investiert werden. Statt
Studiengebühren zu verteufeln, soll man lieber darüber nachdenken, auf
Kindergartengebühren zu verzichten.
Hinzu kommt, dass zu wenige
Eltern wissen, dass sie durch ihr Vorbild das Verhalten der Kinder
prägen. Nicht früh genug kann man mit den Kindern Bilderbücher
angucken, Gedichte lernen und Kinderlieder singen.
Was ABC-Schützen können sollten:
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Einen Satz mit 14 Silben fehlerfrei nachsprechen, zum Beispiel: Wenn die Sonne scheint, spielen Kinder draußen mit dem Ball.
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Eine Zahlenfolge fehlerfrei nachsprechen.
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Einen vollständigen Satz grammatikalisch korrekt aussprechen, zum Beispiel: Die Mama holt das Auto.
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Zehn
Bildpaare mit ähnlich klingenden Wörtern nach vorheriger Erklärung
korrekt nachsprechen und dem entsprechenden Bild das richtige Wort
zuordnen, zum Beispiel: Kamm und Kahn, backen und baden, Tanne und
Kanne.
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Schwierige
Wörter artikuliert nachsprechen, zum Beispiel: Aluminium,
Postkutsche oder, besonders schwierig: Schellfischflosse.
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Grafische
Zeichen, die schriftlich vorgegeben werden, korrekt nachzeichnen,
darunter beispielsweise ein Z oder ein S, aber auch "/" oder ein
umgekehrtes K.
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Auf rhythmische Nachklatschübungen sowie das Nachsingen von Kinderliedern wird künftig verzichtet – es ist zu schwierig.
Erschienen in der Sz BN am 22.11.2002 |