Sanierungsexpertin Dr. Nicole Essiger-Munk, Politikwissenschaftlerin
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Wie viel ist die Würde wert?
 

Die alte Frau P. ist seit drei Tagen im Krankenhaus. Sie hat heute den zweiten Morgen nichts gefrühstückt. Nicht, dass sie keinen Hunger hätte – im Gegenteil. Aber sie bekommt die Marmeladedöschen nicht geöffnet und den Honig auch nicht. Und selbst wenn Frau P. die kleinen Portionspäckchen aufmachen könnte, käme als nächstes unüberwindbares Hindernis das Brötchen, das auseinander geschnitten werden muss. „Mach das mal mit deinen zittrigen Händen“, denkt Frau P. Heute muss sie ohnehin hungrig bleiben, weil es in Plastikfolie eingeschweißtes Brot gibt.

Dass sie trotz gedecktem Tisch nichts zu essen hat, liegt durchaus nicht an der Bösartigkeit des Pflegepersonals. Im Gegenteil – Schwester Christine, die zuständige Schwester für das Frühstück, ist nett und möchte ihre Arbeit gut machen. Allerdings sieht ihr Einsatzplan nicht vor, dass sie Leuten wie Frau P. auch einmal ihr Frühstücksbrötchen streicht. Denn Schwester Christines Arbeitszeit ist knapp kalkuliert.

Vier Minuten Menschlichkeit oder besondere Fürsorge sind nicht mit eingerechnet. Es reicht gerade einmal, allen freundlich einen guten Morgen zu wünschen und das Frühstückstablett vor ihnen aufzubauen. Es wäre schön, wenn Frau P. endlich eine Zimmernachbarin bekäme, die ihr beim Frühstück behilflich sein kann. Wie Frau P. und Schwester Christine geht es vielen Hilfsbedürftigen und Pflegekräften. Dienstleistungen im Bereich der Pflege und des Gesundheitswesens sind eine Ware geworden, mit der hart kalkuliert wird. Seit auch hier, in Pflegeheimen und Krankenhäusern, jeder Handgriff zeitlich erfasst und abgerechnet wird, bleiben Schwestern und Kranke auf der Strecke.

Die Folgen sind offensichtlich. Hilfs- und pflegebedürftige Menschen werden nur noch eingeschränkt wahrgenommen, zum Beispiel als „Hüft-OP von Nummer 2“. Dass diese „Hüft-OP von Nummer 2“ eine alte Frau mit zittrigen Händen ist und deshalb ihr Frühstück zubereitet bekommen muss, so weit wird nicht gedacht. Auf der anderen Seite ist das Pflegepersonal, Pfleger, Pflegerinnen und Schwestern im ständigen Dauerstress, weil in vielen Krankenhäusern und Einrichtungen wegen finanziellen Einsparungen Personalknappheit herrscht. Außerdem bekommen die Pflegekräfte weder die entsprechende Anerkennung für ihre schwere und belastende Aufgabe, noch erhalten sie einen Lohn, der dieser Tätigkeit entspricht. Darüber hinaus wandelt sich eine bislang anerkannte Grundüberzeugung in Bezug auf die Pflege von Bedürftigen. Die Not einer hilfsbedürftigen Person wahrzunehmen und entsprechend zu handeln, dies ist immer oberster Grundsatz gewesen und müsste es auch weiterhin bleiben.

Wahrnehmen und Handeln; dieser Grundsatz wird heute, durch ein sehr mechanistisches Verständnis verdrängt: Der hilfsbedürftige oder kranke Mensch hat ein Defizit, ein lockeres Schräubchen, das per Operation oder Therapie wieder angezogen und funktionstüchtig gemacht wird. Das Prinzip von Wahrnehmen und Handeln wird auch verdrängt durch ein gewinnorientiertes Denken, das davon ausgeht, dass der Profit umso größer ist, je mehr Leute gepflegt werden.

Kein Wunder, dass die Qualität der Pflege leidet, kein Wunder auch, dass von Pflegekräften und Hilfsbedürftigen gleichermaßen ein Verlust an Menschlichkeit beklagt wird. Die Verwirtschaftlichung des Pflegebereichs hat auch die Kirchen unter massiven Druck gesetzt. Plötzlich sind sie dem Konkurrenzkampf mit Privatunternehmen ausgesetzt. Es ist doch seit jeher ein Qualitätsmerkmal gewesen, dass die Würde des Menschen, insbesondere der Kranken und Hilfsbedürftigen insbesondere in kirchlichen Einrichtungen geachtet und respektiert wird. Die individuelle Bedürftigkeit zählt und nicht die Zahl der Patienten, für die Geld bezahlt wird. Wie viel ist diese Würde wert?

Menschenwürdige Pflege ist nicht billig. Deshalb wird in kirchlichen Pflegeeinrichtungen offen über Geld geredet. Geld, das eingesetzt werden muss für Aus- und Fortbildung von Pflegekräften, für Arbeitsplätze, die notwendig sind zur umfassenden Versorgung von bedürftigen Menschen. Kirchen übernehmen dabei in mehrfacher Hinsicht eine Lobbyfunktion. Sie streiten für die Würde des Menschen und protestieren gegen eine Einstellung, die aus Krankheit einen Markt macht. Sie treten ein für die Bedürftigen und ihre Interessen, notfalls auch gegen Wirtschaftlichkeitsgrundsätze, die dafür sorgen, dass Frau P. beim Frühstück immer leer ausgeht. Die Kirchen sind auch Anwältinnen der Pflegekräfte. Pflegefehler, Mobbing und Ausgebranntsein am Arbeitsplatz sind Folgen von zu hoher Arbeitsbelastungen. All dies könnte durch entsprechenden Personaleinsatz vermieden werden.

Frau P. hat jetzt übrigens eine Lösung für ihr Problem gefunden. Sie hat sich ein Telefon ans Bett legen lassen und gleich ihre Tochter angerufen. Die kommt sie nun morgens besuchen und richtet ihr das Frühstück.

Erschienen in der Sz BN am 03.08.2001

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