Die unendliche Geschichte dauerte letztlich nur 18 Monate. Der Traum der deutschen Hochfinanz, Deutschlands führender Börsenplatz könnte zum Zentrum der Weltfinanz werden, ist zu Ende.
Der Versuch der Deutsche Börse AG, mit dem Börsenbetreiber EURONEXT und seinen Handelplätzen in Amsterdam, Brüssel, Lissabon, Paris sowie dem Terminmarkt LIFFE in London zu fusionieren, ist gescheitert.
Dabei schien der Zeitpunkt auf den ersten Blick sehr günstig: Die Deutsche Börse AG verfügt weltweit über die höchste Marktkapitalisierung und ihr Geschäft brummt. Die Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft, unter Ausschluss der amerikanischen New York Stock Exchange (NYSE), war in Frankfurt beschlossene Sache. Ein europäischer Wind sollte Bewegung in die weltweite Börsenlandschaft bringen.
In der Hoffnung, das Handelszentrum samt Informationstechnologie und Arbeitsplätzen in Paris erhalten zu können, entschied sich die französisch dominierte EURONEXT gegen die partnerschaftliche Lösung unter deutscher Führung.
Weltweite Börsengänge: Neun von zehn Dollar wurden 2005 außerhalb der USA erlöst
Die Leitbörse in New York, seit dem 6. März 2006 selbst an der Börse gelistet, kann Wachstum nur durch Zukauf realisieren und musste auf die Frankfurter Offerte reagieren. Der New Yorker Börsenchef John Thain, hatte kürzlich höchstpersönlich vorgerechnet, dass im Jahr 2000 weltweit noch neun von zehn Dollar bei Börsengängen an Amerikas Börsen erlöst wurden; im Jahr 2005 hingegen wurden bereits neun von zehn Dollar frisches Aktienkapital außerhalb der USA gezeichnet. Eindeutiger kann konnte man den Handlungsdruck nicht beschreiben.
Finanzieller Mehraufwand an US-Börsen durch Sarbanes-Oxley-Act
Betrachtet man die Gründe für diese beachtliche Entwicklung, fällt das Augenmerk auf das 2002 in Kraft getretene Gesetz, den sog. Sarbanes-Oxley-Act (SOA) und die darin definierten Regeln. Dieses Rahmengesetz wurde als direkte Antwort auf die Bilanzskandale von Enron & co. erlassen. Der Act schreibt verschärfte Anforderungen für die an US-Börsen gelisteten Unternehmen gesetzlich fest. Aktionäre sollen durch den SOA vor Bilanzbetrug und Falschinformationen geschützt werden, indem z.B. Vorstände - unter Androhung von Gefängnisstrafe - die Richtigkeit der Jahresabschlüsse eidesstattlich beglaubigen müssen.
Transatlantische Superbörse mit amerikanischem und französischem Recht
Was passiert nun, wenn die Fusion der Vierländerbörse EURONEXT mit der NYSE vollzogen ist und die neue Transatlantische Superbörse fest in amerikanischer Hand ist? Wird der SOA auch in Europa zur Anwendung kommen?
Börsenaufsicht bleibt unverändert
Der SOA kennt keine territorialen Grenzen. Ausländische Unternehmen sind davon genauso betroffen, wie amerikanische Unternehmen und deren ausländische Tochterunternehmen. Maßgebend ist, ob das Unternehmen an einer US-Börse gelistet ist. Der Sitz der Gesellschaft ist unerheblich.
Im Fall der Transatlantikbörse wird der europäische Teil der NYSE EURONEXT weiter von den nationalen europäischen Behörden überwacht, während der US-Teil der Börse unter Aufsicht der US-amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC steht. Alle an der amerikanischen Börse notierten Gesellschaften, sowie deren Wirtschaftsprüfer, sind damit weiterhin an die Vorschriften des SOA gebunden und die in Europa gelisteten Unternehmen müssen sich nicht den strengeren SOA-Regeln unterwerfen.
Für die an der NYSE EURONEXT gelisteten Unternehmen soll künftig ein duales Listing möglich werden. Unternehmen können gleichzeitig dann an der NYSE EURONEXT in New York (in Dollar) und an der EURONEXT (in Euro) notiert sein. In dieser besonderen Konstellation gelten dann die Regularien beider Börsenplätze. Die Unternehmen, welche gehofft hatten, über den Umweg EURONEXT einen erleichterten Zugang an den New Yorker Markt zu erhalten, werden enttäuscht. Die neuen Möglichkeiten im NYSE EURONEXT Verbund betreffen vorerst hauptsächlich die aufgrund der Zeitverschiebung verlängerten Handelszeiten. Die europäischen Unternehmen waren bisher gegenüber dem Börsenplatz New York - wegen des SOA - sehr zurückhaltend und werden es in Zukunft wohl auch bleiben.
Französische Interessen verhinderten europäische Lösung
Den chronisch unterfinanzierten Volkswirtschaften Europas hätte eine gehörige Portion Wirtschaftspatriotismus zu Gunsten der europäischen Lösung „Deutsche Börse EURONEXT“ gut getan. Warum letztlich der französische Staat die Chancen einer deutsch-französischen Partnerschaft ungenutzt ließ, bleibt sein Geheimnis. Frankreichs „Wirtschaftskrieger“ wähnten sich offensichtlich derart auf verlorenem Posten gegenüber dem Frankfurter Technologieführer und Ertragschampion, dass sie nur noch die Flucht in die Arme der NYSE als Ausweg sahen. Ob sich jedoch die NYSE bei der EURONEXT- Übernahme für mehr interessiert hat, als die gegenüber New York fortschrittlichere Technik und den Londoner Derivatemarkt LIFFE, wird sich zeigen. Angesichts der hoch bewerteten Aktien der NYSE war die EURONEXT-Börse ein Schnäppchen. Trotzdem wird sich die Übernahme für die ertragsschwache New Yorker Börse rechnen müssen. Investoren und die künftig an der NYSE EURONEXT notierten Unternehmen sollten sich nicht allzu viele Hoffnungen machen, dass die erhofften Kosteneinsparungen der Fusion an die Kunden weitergegeben werden.
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